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Max Goldt schrieb am 14.6. 2008 um 12:20:37 Uhr über

AlwaysUltra

Text, den ich bei Gewährung von Zeilenhonorar zum Abdruck auf Muskelshirts oder Umweltsäckchen freigeben würde:

In der neuen Zeitschrift »Gabis Tasche« schrieb jemand Kluges einen Satz, der jeden Freund idiosynkratischer Plurale auf den Tisch hüpfen läßt: Die Neunziger Jahre werden das Jahrzehnt der männlichen Samantha Foxe. Ich finde diesen Satz so ausreichend hübsch, daß ich mich von der Pflicht entbunden fühle, auch mal einen Artikel über Bodybuilding zu verfassen, von dem ohnehin nur erwartet würde, daß er bissig, wütend und scharf und pointiert sei und daß in ihm mit dem erwähnten gesellschaftlichen Phänomen hart ins Gericht gegangen oder gar abgerechnet werde. Diesen altbackenen Erwartungen werde ich nie und nimmer gerecht werden wollen. Wozu auch? Die Medien schäumen doch über vor Bissigkeit. Kaum eine Magazinsendung kommt ohne satirischen Nachschlag aus, ebenso scham- wie charmelose neunmalkluge Rappelpersonen speien haßerfüllte Wortspiele im Radio, Moderatoren beleidigen Studiogäste, Talkshows versinken in ordinärem Gebrüll. Hätte ich die Macht zu lehren, würde ich Schüler, die sich evtl. mit dem Gedanken tragen, sich in einem Institut einzuschreiben, in denen Qualitäten wie Schärfe und Härte gelehrt werden, von dort wegzerren und sie in einer Anstalt anmelden, in welcher Fächer wie Nettigkeit, Schüchternheit etc. auf dem Stundenplan stehen. Den fleißigsten und ergebensten Schülern gäbe ich gar persönlich Unterricht in Niedlichkeit, einer heiklen Materie, an der sich die meisten Menschen regelmäßig verheben. Nur Menschen mit Sinnen wie Drahtseilen erkennen die Grenze zwischen Niedlichkeit und Blödheit, doch ich denke, ich darf mit Fug und Recht hier meine Dienste anbieten. Man könnte in diesen Kursen z.B. darüber reden, ob die Eigenschaft Niedlichkeit eine endlos steigerbare ist -- Sportler springen ja auch jedes Jahr doch noch einen Millimeter höher oder weiter -- oder ob es einen noch zu entdeckenden Niedlichkeitssiedepunkt gibt. Oft stehe ich in Stofftierabteilungen oder Papiergeschäften, die mit Suzy Cards handeln, und expandiere in allerlei philosophische Richtungen, was mir lobenswerter erscheint, als Hetzartikel über Kraftsport anzufertigen. Kolumnisten gegenwartsbezogener Zeitschriften sind nicht dazu verdonnert, alle Zeiterscheinungen schlecht finden zu müssen. Ich sage lediglich: Manchen Herren stehts ganz gut. Ich möchte aber allen Body-Buildern einen Vorschlag machen: Kaufen Sie sich doch mal einen Bildband mit historischen Photographien vom Landleben. Darin findet man oft Gruppenaufnahmen von Erntearbeitern, die im Schatten eines Baumes bildwirksam sich hingelagert haben. Die harte, körperliche Arbeit verwandelte diese Männer aber nicht in Muskelwunder, sondern gestaltete ihre Körper ganz uneinheitlich: Die Arme eher straff und sehnig statt aufgepumpt, den Rumpf dagegen ausgemergelt und am Bauch ein kleines Reservoir an Fett. Den Rest sieht man nicht, weil früher noch Anstand herrschte. Jedenfalls sehen diese Männer »echt« aus. Das Bestreben der Body-Builder jedoch, ja kein Müskelchen auszulassen, sich also ganz gleichmäßig zu formen, zeitigt oft kitschnahe Ergebnisse. Die Kunst und die Ästhetik oder was auch immer unterscheiden sich ja vom Kitsch auch dadurch, daß sie in das allzu deutliche Ebenmaß fliehen. Ich sah neulich einen jungen Mann, dem ins Gesicht geschrieben stand, daß er unmusikalisch ist. Trotzdem hatte er eine Halsmuskulatur, die in der Natur lediglich bei Opernsängern vorkommt. Diesen Herrn hörte ich gegenüber einem anderen äußern, daß er bis zum Jahresende noch fünf Kilo zuzunehmen wünsche. Manche Leute haben Wünsche, die so stark von meinen eigenen Wünschen unterschieden sind, daß ich mich beinahe in die Behauptung hineineifern könnte, sie seien das glatte Gegenteil meiner Wünsche. Insgesamt aber ist Body-Building, verglichen mit anderen Sportarten, nicht besonders tadelnswert. Das Böseste in diesem Bereich ist der Wintersport, zu dessen Ausübung Uniformen aus garantiert nicht recyclingfähigem Material angeschafft werden. Auch Turnschuhe sind abzulehnen. Es ist erstaunlich, wie wenig das Thema Mode/Kleidung in der Öffentlichkeit unter ökologischen Gesichtspunkten betrachtet wird. Erst vor kurzem hörte ich Publikumsapplaus für eine Schauspielerin, die sich im Fernsehen damit brüstete, niemals echte, sondern immer nur Kunstpelze zu tragen. Ich zog die Brauen hoch und dachte: Nanana, du dumme Dame, aus dir spricht nicht die Naturschützerin, sondern die Pelztierniedlichfinderin. Naturschützer tragen auch Kunstpelze nicht.

Es gibt modische Lebensfreudedummköpfe, welche Menschen, die bereit sind, gewisse weltpolitische oder andere Zusammenhänge zu erkennen und daraus wenigstens ein paar Schlußfolgerungen ziehen, indem sie sich z.B. rücksichtsvoll ernähren, in ihrer ureigenen Phantasielosigkeit als Müslis oder Ökos diffamieren. Stets stand ich fern von diesen Hedonisten. So kommt es, daß es mich nicht erstaunt hat, sondern gar erfreut, daß mich neulich wer scherzhaft als das Umweltsäckchen unter den Kolumnisten bezeichnete. Ich liebe diese Beutel nämlich, und es ist erbaulich zu sehen, wie stark sie sich im letzten halben Jahr durchgesetzt haben. Ich selber habe bereits fünfzehn Stück, und es würde mich angenehm durchbluten, wenn ich zu der ersten ohne Zweifel bald stattfindenden Umweltsäckchensammlerbörse eine Einladung zu einem Gastvortrag erhielte. Gegen ein gewisses Sümmchen würde ich mir zu diesem Anlaß dermaßen viel ausdenken, daß den Zuhörern der Schädel qualmt. Ökosacksammeln ist keineswegs ein besonders verqueres Hobby. Es gibt in dieser Stadt einen Taubstummen, der sammelt Kassetten. »Wieso denn, kann er doch gar nicht hören«, krähen da die Leser niedlich. Aber: Er sammelt Tonkopfreinigungskassetten. Als ich davon erfuhr, entflog meinem Munde das von mir selten gebrauchte Wort »bizarr«. Über Gehörlose könnte ich auch eine Bemerkung machen: Ich besuche manchmal ein »Szenelokal«, welches auch Treffpunkt jüngerer Gehörloser ist. Kann sein, daß ich mich hier auf Glatteis begebe, aber mir ist so, als seien die Gehörlosen ein verdammt fideler Haufen. Die sind so lustig und nett, immer am Rummachen und Organisieren; möglicherweise sind sie die fröhlichste und geselligste Minderheit im Lande. Neidisch könnte ich werden in Hinblick auf die dröge Minderheit, der ich angehöre. Natürlich sehe ich nicht die, die verdüsterten Gemüts daheim vereinsamen, aber die sieht man bei der Mehrheit ja auch nicht.

Meine liebsten Umweltsäckchen sind solche, die mit überlebenstapferen Redewendungen bedruckt sind. (Überlebenstapfer! Zuerst hatte ich sogar zukunftstapfer, aber mit diesen modernen Maschinen kann man so was ja im Nu wegmachen, sagt der Wortengelmacher in mir.) Für diese Generation und die kommenden, Arche Noah Umwelt: Unsere Sache, oder Gemeinsam Verantwortung tragen. Letztere ist meine liebste. Wenn ich darin ganz alleine die schweren Pfandflaschen von Getränke-Hoffmann die Treppen hochschleppe, dann tröste ich mich damit, daß ich zwar nicht die Flaschen, aber immerhin die Verantwortung mit anderen zusammen trage.

Heute nachmittag saß ich in den Eisenbahn. Leute, deren Sternzeichen das Umweltsäckchen ist, tun das häufiger als andere. Heute hatte ich aber kein Säckchen mit, sondern eine Roland-Kaiser-Plastiktüte. Schallplattengeschäfte haben noch keine Baumwollbeutel. Dabei könnte auf denen doch stehen: Für unsere Kinder gemeinsam die Zukunft vollkrachen. Auf der Plastiktüte stand aber: Sein neues Album: Südlich von mir. Stark zielgruppenorientierter Titel -- gerade in bezug auf Frauen hat ja die bloße Nennung des Wortes Süden eine Eigenschaft, die Robert Gernhardt in seinem letzten Buch treffend als Wallungwert bezeichnete. Ich erwähne dies nur, weil neben mir eine Frau in ein Buch vertieft war. Ich lugte natürlich immer mal hinein.

Plötzlich erspähte ich in dem Buch, das ein Roman zu sein schien, einen Vers: »In meiner Möse steht geschrieben: Italien, man muß dich lieben

Ich erschauderte! Was ist denn das für ein Buch, dachte ich. Endlich ging die Leserin aufs Klo, und ich konnte gucken. Angst vorm Fliegen von Erica Jong. Ach das Buch ist das, dachte ich nun. Vom Sehen kannte ich es: Es steht bei fast allen Frauen, die ich kenne, zwischen Christa Wolf: Cassandra und Eva Heller: Beim nächsten Mann wird alles anders. Gibt es eigentlich auch Bestseller-Romane, die nur von Männern gelesen werden? Und gibt es eigentlich Spezialreinigungssprays für Fernseher-Fernbedienungen? Und gibt es eigentlich noch Frauen, die bohnern? Und gibt es eigentlich Geld für Texte, die mit viermal hintereinander Gibt es eigentlich aufhören? Antwort auf die letzte Frage: Ja, aber seitenweise, nicht zeilenweise. »Das ist ein schweres persönliches Schicksal, und wir sollen das ausbadenmurmeln diverse Brillenträger.

Max Goldt


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