Top Ten der vernachlŠssigten Themen 2002
Initiative NachrichtenaufklŠrung und Netzwerk Recherche stellen die Liste der am meisten vernachlŠssigten Nachrichten und Themen des vergangenen Jahres vor
Im Jahr 2002 gab es eine FŸlle wichtiger Themen, Ÿber die in den Medien unzureichend berichtet wurde. Die Initiative NachrichtenaufklŠrung und das Netzwerk Recherche haben am 15. Februar 2003 die Top Ten der vernachlŠssigten Themen 2002 vorgelegt.
Die Untersuchung und Analyse der Themen wurde von Journalisten, Wissenschaftlern und Studierenden der Journalistik und der Medienwissenschaft vorgenommen. Auf Platz 1 der Liste setzte die Jury das Thema ãVergessene Kriege". Auch Ÿber die Verabreichung von Psychopharmaka an Menschen in Altenheimen wurde nur ungenŸgend informiert. Nur sporadisch berichteten Medien Ÿber lebenslŠnglich Verurteilte, die hinter Gittern vergessen werden.
Die Top Ten im Einzelnen:
1. Vergessene Kriege
Das Friedensforschungsinstitut SIPRI zŠhlt derzeit auf der Welt 15 Kriege mit zahlreichen Opfern. Elf dauern bereits lŠnger als acht Jahre, die meisten davon innerhalb afrikanischer LŠnder. Amnesty International bezeichnet die marokkanisch kontrollierte Westsahara als eines der Gebiete, in denen die Menschenrechte am wenigsten geachtet werden. Kostspielige UNO-Interventionen wie in Sierra Leone bleiben in der Regel ergebnislos. Solche fortdauernden Kriege bleiben in den meisten Medien unberŸcksichtigt.
2. Altenheime: Pflegeleicht durch Psychopharmaka
MenschenunwŸrdige Schikanen und Misshandlungen in Altenheimen werden dann publik, wenn die Staatsanwaltschaft einschreitet. Der stille, stŠndige und viel weniger beachtete Skandal besteht jedoch darin, dass den alten Menschen hŠufig Psychopharmaka in gro§en Mengen verabreicht werden, um sie ruhig zu stellen und besser unter Kontrolle zu halten. So wird den Bewohnern mangels Personal LebensqualitŠt geraubt.
3. LebenslŠnglich vergessen
Viele Menschen glauben, wer zu ãLebenslŠnglich» verurteilt ist, sitzt hšchstens 15 Jahre hinter Gittern. Doch statistische Daten belegen, dass die Haftzeiten in Deutschland oft erheblich lŠnger sind. Viele dieser HŠftlinge sind keine TriebtŠter, sondern KonflikttŠter mit geringer RŸckfallgefahr. †ber die Frage, wie oft «LebenslŠnglich" fŸr Gefangene in Deutschland einen Tod hinter Gittern bedeutet, wird kaum diskutiert. Im Vordergrund der Berichterstattung stehen die Strafen fŸr Kindermšrder und andere SexualtŠter.
4. Unmenschliche Abschiebung
In Deutschland werden AbschiebehŠftlinge oft unmenschlich behandelt. Viele HŠftlinge verbringen tŠglich 23 Stunden in ihren Zellen. Die in Auslieferungsverfahren vorgelegten Belege wŸrden in den meisten FŠllen nicht fŸr ein Gerichtsverfahren reichen. Im Grundgesetz verbŸrgte Rechte gelten fŸr sie nicht.
5. Expo-Opfer
Die verheerenden Folgen fŸr viele mittelstŠndische Unternehmen, die sich an der Expo 2000 in Hannover beteiligt haben, bleiben in den Medien weitgehend unbeachtet. Etliche Firmen haben im Vertrauen auf Zusagen der Veranstalter MillionenbetrŠge investiert. Die Expo-Beteiligungsgesellschaft verweigerte vereinbarte Zahlungen mit dem Hinweis, die Besucherzahl sei unter den Erwartungen geblieben. Jetzt schlittern viele Firmen in den Konkurs. Nach dem PR-Rummel um die Weltausstellung hat das Thema keine Konjunktur mehr.
6. Schrottplatz Irak
Kriege sind fŸr die MilitŠrs auch eine Chance, Altlasten aus den Depots loszuwerden. Bereits 1990 wiesen amerikanische Armee-Sprecher in Deutschland darauf hin, dass der bevorstehende Golfkrieg die ideale Voraussetzung fŸr die Entsorgung alter Munition sei. Eine fachgerechte Beseitigung wŸrde die US-Army das FŸnffache kosten, preisgŸnstiger sei es, technisch veraltete Munition und Bomben Ÿber dem Irak abzuschie§en. Im Hinblick auf einen mšglichen Golfkrieg 2003 sollte dieser Aspekt in den Medien nicht vernachlŠssigt werden.
7. Blockade der UNO-Menschenrechtskommission durch Mitgliedsstaaten
In der UNO-Menschenrechtskommission stimmen auch LŠnder mit, die selbst gegen die Menschenrechte versto§en haben. Ihr Einfluss ist inzwischen so gro§, dass sie selbst nicht angeprangert werden. ãHuman Rights Watch" wirft den EU-Staaten vor, zu wenig gegen diese Manipulationsgefahr in der Kommission zu unternehmen.
8. Druckmittel UN-Finanzen
Die USA Ÿben auf die UNO finanziellen Druck aus. MitgliedsbeitrŠge werden Ÿber Jahre zurŸckgehalten. Gezahlt wird nur, wenn politische ZugestŠndnisse zu erwarten sind. Dieses Instrument haben die USA vor dem Afghanistan-Krieg, aber auch 2003 wieder eingesetzt. Das US-ReprŠsentantenhaus bewilligte unter Verweis auf die ãNŸtzlichkeit" eine Zahlung in dreistelliger Millionenhšhe fŸr die Vereinten Nationen. Ziel ist es diesmal, die UNO im Kampf gegen Saddam Hussein gefŸgig zu machen. Trotz der umfangreichen Berichterstattung Ÿber den Irak-Konflikt spielt dieses Thema keine Rolle.
9. Risiken von Kindern suchtkranker Eltern
†ber die Volkskrankheit Alkoholismus und andere Suchtkrankheiten wird immer wieder berichtet. Selten stehen die Kinder aus solchen Familien im Mittelpunkt der Veršffentlichungen. Fakt ist jedoch, dass diese Kinder sechs mal hŠufiger selbst suchtkrank werden als ihre Altersgenossen aus normalen Familien. Betroffen sind in Deutschland acht Millionen junge Menschen; rund ein Viertel ist jŸnger als 18 Jahre.
10. Ostdeutsche Kommunen hochverschuldet
Die ostdeutschen StŠdte und Gemeinden sind besonders stark verschuldet, obwohl die gesamtdeutsche Schuldenlast bei der Wiedervereinigung nicht durch die neuen LŠnder angestiegen ist. Zumeist wird nur Ÿber die Schulden der LŠnder berichtet, nicht aber, warum speziell ostdeutsche Kommunen so hoch verschuldet sind.
Kontakt:
Prof. Dr. Horst Pšttker
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Hans Leyendecker
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Weitere Informationen:
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Die Jury
Christoph Maria Fršhder TV-Journalist, Vorstandsmitglied Netzwerk
Recherche
Dr. Margarete Keilacker Journalistin, Chefredakteurin Fernseh- Informationen
Ingrid Kolb Leiterin der Henri-Nannen-Journalistenschule
Gruner + Jahr / DIE ZEIT
Prof. Dr. Wolfgang R. Langenbucher Kommunikationswissenschaftler UniversitŠt Wien
Dr. Thomas Leif Vorsitzender Netzwerk Recherche
Chefreporter Fernsehen SWR Mainz
Hans Leyendecker SŸddeutsche Zeitung,
Vorstandsmitglied Netzwerk Recherche
Prof. Dr. Dr. (USA) Peter Ludes Professor of Mass Communication
International University Bremen
Dipl.-Soz.Wiss. Jšrg-Uwe Nieland Sozialwissenschaftler UniversitŠt Duisburg
Prof. Dr. Horst Pšttker Journalismuswissenschaftler UniversitŠt Dortmund
Institut fŸr Journalistik
Dr. Christian Schicha Politikwissenschaftler UniversitŠt Dortmund,
Institut fŸr Informations- und
Kommunikationsškologie e.V.
Jšrg Schšnenborn WDR-Chefredakteur Fernsehen
Christiane Schulzki-Haddouti freie Journalistin
Mirjam Stšckel freie Journalistin, Studentin am Institut fŸr Journalistik der UniversitŠt Dortmund
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