Heute traf ich nach Langem H., eine sehr attraktive, intelligente und durchaus liebenswerte Frau. Vor einiger Zeit hatte ich versucht, mich ihr anzunähern, was mir teilweise auch gelungen war - zumindest dachte ich das, denn sie hatte mir zu spüren gegeben, dass sie der Annäherung nicht abgeneigt gegenübersteht. Bis sie mir dann eines Tages eröffnete, daß wir doch »einfach nur Freunde« sein könnten. Damals hatte ich noch geglaubt, sie würde sich vielleicht nicht reif genug für eine neue Beziehung fühlen, würde Zeit brauchen - und dergleichen Unsinn eben. Später erfuhr ich von ihrer Freundin S., daß sie sich offensichtlich für einen anderen entschieden habe.
Heute, wie gesagt, traf ich H. - mitsamt dem Neuen. Händchenhaltend.
Ich war schockiert. Damals hatte ich geglaubt, sie hätte mich wohl aufgrund meiner nicht gerade männertypischen, eher schmächtigen Statur abgelehnt. Um so mehr erstaunt mich nun, daß ihr Neuer noch einmal gut fünf Zentimeter kleiner ist als ich, ja, daß er beinahe kleiner ist als sie. Aber den Atem nahm es mir, als er den Mund öffnete. Seine stark vom Dialekt geprägte Sprache außer Acht gelassen: Er war nicht einmal in der Lage, zwei deutsche Hauptsätze hintereinander in korrekter Weise zu bilden. Ganz abgesehen von den Inhalten, die er von sich zu geben versuchte. Geistige Diarrhoe wäre wohl noch etwas zu gelinde ausgedrückt.
Während ich mich mit H. über Belangloses unterhielt (»Wie geht's dir denn so?« »Naja, ganz gut, bin im Urlaub gewesen.« »Ach nee, das ist ja toll!«), versuchte er hin und wieder so etwas wie Anmerkungen zu machen - während er sich permanent an der Bierflasche in seiner Rechten festklammerte. Seine fliehende Stirn und die tiefliegenden Augen bestätigten leider das Klischee. Am minderen Bartwuchs schätzte ich ihn auf höchstens 18, wobei der ganze Habitus das Alter wohl eher noch weiter nach unten korrigieren würde.
Warum, Herrgottjesusmaria, warum wählt sich so eine tolle Frau wie H., die nicht nur dem Anschein nach sondern auch aus ihrem ganzen Wesen heraus ein gebildeter, interessierter, strebsamer und feinsinniger Mensch ist, einen solchen Neandertaler als ihren Weggefährten? Ich hätte ja einen Hauch von Verständnis, wenn er wenigstens die Statur eines Profiboxers hätte - einen überwiegenden Hang zum Körperlichen könnte ich ihr schlecht verübeln. Aber eine solche Trichterbrust mit Überbiß, wohl kaum volljährig und nervtötender als ein privater Radiosender? Wie kann das angehen? Hat sie doch in unseren Gesprächen - derer es so einige, auch tiefergehende, gegeben hat - stets betont, daß sie auf der Suche nach einem Mann sei, der ihr intellektuell die Stirn bieten, ja, mit dem sie auch über (ihr) Wichtiges reden könne! Ich verstehe das nicht. Ich verstehe es einfach nicht!
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