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hei+co schrieb am 4.11. 2000 um 00:09:34 Uhr über

fiction

Zukunft (der Literatur): Potentialität der Formen
»Es stellt sich also die Frage, worin der Unterschied zwischen der technologischen und literarischen Innovation besteht. Die Zukunft der Literatur kann sicherlich nicht allein darin bestehen, die Science-fiction als alleiniges Modell textueller Erfahrungen zu nehmen. [...] Was nun die Sirenen Odysseus zu singen versprechen, ist die Vergangenheit seiner eigenen Unternehmungen, die für die Zukunft in Epos zu verwandeln sind. [...] In der Tat: jede Zukunftsmusik bleibt dem Text unhörbar. Er ist es, der sich die Ohren mit Wachs zustopft, um nicht zu hören. Würde die textuelle Erfindung phänomenologisch als ein Akt des Horchens beschreibbar sein, dann müßte man wahrlich sagen, daß die Literatur seltame Ohren hat. Sie kann den Schall und Wahn der Gegenwart vollkommen überhören und Nadeln auf den Boden fallen hören, die erst in Jahren oder Jahrhunderten fallen werden. Diese seltame Fähigkeit hat nicht zuletzt damit zu tun, daß die Erfindung neuer Formen ein besonderes Hörorgan voraussetzt, das imstande ist, jenes 'Grundgeräusch' zu vernehmen, jenes 'Murmeln des Intertext', das nicht die Gesamtheit aller Sprachen und auch nicht aller Diskurse, sondern die Möglichkeitdes Virtuellen ist. [...] Ihre Aktualisierung war aber niemals etwas anderes [...] als ihre eigenen Ankündigung [...]. Denn die Textualität beruht nicht allein auf Mimesis, auf Simulation, sie ist auch jene Bahnung, die sich selbst voraus ist. [...] Die blinde Retention, die die literarische Innovation ermöglicht, bedeutet kein passives Verfügen über ein unendliches Reservoir von Daten (von Themen, Schemata, Techniken). Textformen, die zu anderen möglichen (vergangenen oder noch nicht realisierten) Formen in einem nur repräsentativen Verhältnis stehen [...], haben literarisch keine Zukunft. Formen, die 'ganz neu' wären und gar keinen Bezug zum 'unendlichen Gemurmel' der Texte haben würden, gibt es einfach nicht. Die 'Zukunft der Literatur' besteht also nicht darin, zukunftsgerichtet rationale Konjekturen intuitiv zu überbieten oder den 'Vorschein der Zukunft' textuell zu aktualisieren, sie besteht darin, unter den Bedingungen des Vergessens sich an die Potentialität der Formen zu erinnern
(Dubost, Jean-Pierre 1990: Die Zukunft des Textes, in: Sloterdijk, Peter (Hg.): Berichte zur Lage der Zukunft. Frankfurt am Main, S. 504-527, hier S. 519- 520)



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