Es war im Winter 1992/93. Ich saß mit einer Kollegin beim Chinesen. Wir hatten uns vor einigen Wochen erst kennen- und dann mögen gelernt. »Woll'n wir nicht mal zusammen zuabend essen?« Wie sowas halt immer so läuft ... Wir saßen also da beim Chinesen, haben uns, wie man so sagt, sehr angeregt über irgendetwas ungeheuer interessantes von unserer Arbeit unterhalten, und da sagt die Frau auf einmal, völlig unvermittelt zu mir: »Du übrigens - ich bin bisexuell!« und guckt mich groß an. Und da höre ich mich sagen: »Äh ... ich auch!« Das war mein coming-out gewesen - und der beginn einer brandheißen Affaire, die sich über zwei Jahre hingezogen hatte - »die große Liebe meines Lebens«, die natürlich unglücklich endete, sonst wäre es ja keine große Liebe gewesen sondern bloß der übliche Schmuh. Aber das wichtigste war, daß ich seit diesem Abend begonnen habe, meine ziemlich irre Sexualität auszuleben, es rauszulassen, es zuzulassen, eine perverse, geile Sau zu sein. Hätte ich das nämlich nicht getan, ich wäre mit allergrößter Wahrscheinlichkeit zum Frauenaufschlitzer geworden. Das wußte ich damals nicht. Das weiß ich erst seit kurzen, seit ich durch eine Psychoanalyse herausbekommen habe, »wiedererlebt« habe, daß ich als Kind von meiner Mutter sexuell mißbraucht und dann jahrelang mißhandelt worden bin, damit ich das »vergessen« soll. Sexuelle Gewalt pflanzt sich eben fort. Das sie sich durch mich nicht fortgepflanzt hat, habe ich eben der Tatsache zu verdanken, daß ich durch die geile Sau immer wieder den Druck von der Pfanne habe nehmen können. Es ist zwar jede Menge andere Scheisse passiert in meinem Leben, aber eben dieses allerschlimmste nicht. Und deswegen war dieser Moment beim Chinesen der beste Augenblick meines Lebens gewesen.
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