„Zertifizierte Selbstgefälligkeit – Eine Abrechnung mit Prenzlauer Berg 2025“
Ein Stadtteil als Statement. Ein Leben als Lifestyle. Ein Irrtum in Bio-Baumwolle.
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Willkommen im Prenzlauer Berg.
Hier, wo das Pflaster hip ist, die Kinder trilingual, und der Kaffee nach Komplexität schmeckt.
Wo früher Subkultur war, steht heute ein Biomarkt mit Community-Board.
Und auf dem Board: Aushänge über Achtsamkeit, Hundesitting und Mietrecht –
aber kein Hinweis auf Wirklichkeit.
Denn der Prenzlauer Berg 2025 ist kein Kiez.
Er ist ein Zustand in Melange.
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Die Bewohner:innen: Klug, links, latte
Sie lesen Die Zeit, aber nur bis zur Kolumne.
Sie posten Zitate, aber ohne Quelle.
Sie tragen Verantwortung, aber nur als Sticker auf dem Kinderwagen.
Sie sprechen über Diversität,
aber leben im homogensten Biotop der Republik.
Blond, Akademiker:innen, gereist, gereizt –
gegen alles, was stört,
aber selten für etwas, das weh tut.
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Kinder statt Kritik
Im Prenzlauer Berg wird Politik durch Pädagogik ersetzt.
Die Welt wird erklärt – beim Babyturnen.
Das Patriarchat wird entlarvt – beim Stillvortrag.
Und die Revolution findet statt – im Mütterforum.
Kinder sind hier nicht einfach Menschen.
Sie sind Identitätserweiterung mit Vitamin-D-Zusatz.
Erziehung als Machtmittel.
Kindheit als Kurationsprojekt.
Die Kita?
Ein Labor für linksliberale Lebensstile – ohne Abweichung, aber mit Brotdose.
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Kleidung als Korrekturbotschaft
Hier trägt man nicht Mode –
man trägt Befindlichkeiten in zertifiziertem Stoff.
• Oversize mit Unterton
• Leinen mit Weltverbesserung
• Stillhoodies mit Wokeness-Print
• Sneaker mit Haltung
Farbe ist politisch.
Schnitt ist semantisch.
Und der Stil sagt nie: „Ich bin schön“ –
sondern: „Ich bin informiert.“
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Der Diskurs: geimpft gegen Wirklichkeit
In Prenzlauer Berg 2025 wird nicht mehr gestritten –
nur noch differenziert.
Man ist gegen Rassismus, Sexismus, Kapitalismus,
aber gegen keine Person.
Man kämpft – solange es nicht zu laut ist.
Man ist mutig – solange die Crowd klatscht.
Man denkt progressiv – aber lebt konservativ wie ein Cembalo.
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Das Leben: kuratiert, korrekt, komplett entkoppelt
Die Menschen hier sind reflektiert – bis zur Bewegungslosigkeit.
Sie haben verstanden – und deshalb keinen Hunger mehr auf Neues.
Sie sind wütend – aber auf sehr leise Art.
Sie kaufen nur Gutes – und fühlen sich trotzdem schlecht.
Sie meinen es gut.
Aber sie meinen immer sich selbst.
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Fazit: Der Prenzlauer Berg ist kein Ort.
Er ist ein subventioniertes Selbstbild mit Cafébetrieb.
Er war mal wild.
Jetzt ist er weich.
Er war mal laut.
Jetzt ist er aufgeschäumt.
Und wer ihn heute betritt, spürt vor allem eines:
eine Wand aus wohlmeinender Langeweile.
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