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Liquidationsdefensive, am 3.7. 2012 um 00:05:23 Uhr
Ostfriesland

Es gab vor vielen Jahren in Aurich in Ostfriesland ein Fischrestaurant. Es war am Ende einer langen Einkaufsstraße durch die Fußgängerzone - dort, wo sie in eine befahrene Straße übergeht und jenseits einer kleinen Brücke.

Ich habe es in guter Erinnerung, weil es keine Speisekarte hatte oder es wenigstens nicht üblich war, die Speisekarte zu lesen, und stattdessen der Koch auf knarrenden Holzdielen an den Tisch trat und erläuterte, welche Tagesgerichte er anbieten konnte und mit welchen Beilagen. Der Koch war relativ jung und mit Dreitagebart, den - so mein Eindruck - der Mangel an Zeit, die seine Leidenschaft für Fischgerichte verschlang, oder eine Gleichgültigkeit gegenüber allem anderen verschuldet hatte.

»Ich habe heute Rotbarbe und Brasse und dies und das... Reis passt dazu, Sie können aber auch Kartoffeln haben... Ich könnte Ihnen einen Salat dazu machen... Oder möchten Sie lieber Gemüse

Ich glaube, dass er bei jedem Gast so vorging und sich erst in dessen Angesicht überlegte und förmlich auf ihn persönlich zuschnitt, welche Speisekombinationen er ihm anbieten wollte.

Das Essen war gut - oder sogar sehr gut - und nicht teuer, jedoch erinnere ich mich weniger an das Essen selbst als an den gestikulierenden und vor seinem geistigen Gaumen spontane Individualspeisen kreierenden Koch.

Einige Jahre später war ich wieder in der Region und beschloss, das Restaurant als kleinen Höhepunkt des Aufenthalts in Ostfriesland wieder zu besuchen. Als ich mich eines Abends dem alten Haus aus Richtung der Fußgängerzone näherte, musste ich eine Enttäuschung erleben, als ich sah, dass es dunkel war und kein Licht aus den Zimmern auf die Straße fiel. Kein Schild war außen mehr zu sehen, das angezeigt hätte, dass dieses Haus ein Restaurant beherbergen würde. Vor dem Haus stellte ich mich auf Zehenspitzen und warf einen Blick durch eines der Fenster, in welches eine Straßenlaterne etwas Licht warf. Es waren nur Wände zu sehen, von denen Tapetenfetzen herabhingen und eine umgestürzte Leiter.

Es handelte sich offensichtlich nicht um eine Renovierung, eher um die Vorstufe eines Abrisses. Ich weiß nicht, was aus dem Koch und seinem Restaurant geworden ist, habe mich allerdings auch nicht bemüht, es herauszufinden. Möglicherweise ist er nur umgezogen. Möglicherweise hat er sich unter neuem oder altem Namen vergrößert - eine Verkleinerung wäre kaum denkbar gewesen. Vielleicht aber auch hat er sich als wahrscheinlich schlechter Kaufmann aufgezehrt und ruiniert.

Ich war dann in einem Restaurant in der Fußgängerzone und habe à la carte gegessen, aber das ist auch schon alles, was ich dazu sagen kann. Weder an Wahl und Qualität des Gerichts noch an das Innere oder Äußere des Restaurants und schon gar nicht an den Koch oder Kellner kann ich mich erinnern.



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