Mußte man mit Pohrt gleich eine neue Verschwörung kolportieren, die dabei sei, über die darwinistisch-schaurige Selektion Weltherrschaft zu erringen? Warum verwandelt sich die Mitleidsgeste mit einem in Afrika hungernden Kind in blanken Haß, wenn es überlebt und als erwachsener Mensch vor Wolfgang Pohrt steht? Liegt seine Schuld' im Überleben? Zumindest verschafft ihm sein Tod eine mildere Betrachtung. Was hat es auf sich mit der Angst der Zivilisierten vor der Naturkraft?
Das Phänomen begegnet uns überall und in allen möglichen Facetten. Eine Journalistin und ein Journalist vom Hamburger Abendblatt waren aufgebrochen, um eine Reportage zu schreiben über die Belastung des Hamburger Schanzen-Viertels durch schwarze Dealer. Sie schildern uns, wie sie am S-Bahnhof stehen und einen Schwarzen beobachten, der auf dem Weg zum Kiosk .eine Schachtel Marlboro Light aus der Tasche' holt und das Aluminium-Blatt achtlos auf den Asphalt" wirft. Sie bedrängen zwei Polizisten. Haben Sie das gesehen? Warum unternehmen Sie nichts?' Die beiden Uniformierten murmeln, sie hätten dann vieles zu tun. Der (damalige) Hamburger Polizeipräsident, mit dem die beiden verabredet sind, kommt vorbei. Sie zeigen auf das Papier und insistieren: Warum tun Sie nichts, Herr Uhrlau?' Als sie nach dem Rundgang durchs Viertel wieder am Bahnhof angelangt sind, machen sie die entsetzliche Entdeckung: Das Aluminium-Papier aus der Zigaretten-Schachtel liegt immer noch auf der Straße.' Am Ende ihrer Reportage offenbarten die beiden sich: Manch einer ertappt sich mit Grauen bei der Abneigung, die ihn beim Anblick eines Schwarzafrikaners überfällt.'
Das ist es. Es ging nicht um das Papier (was für sich genommen schon reichlich neurotisch wäre). Der Anblick des Schwarzen hatte die Schleuse der Zivilisationsneurose derart weit geöffnet, daß die beiden immerfort nach Polizei rufen mußten. Ähnlich hart geht der Projektionswahn mit Kurden ins Gericht. Die waren aufgebracht, hatten Leidenschaft gezeigt, hatten demonstriert. In derselben Woche, in der die US-Justiz zwei Mörder deutscher Abstammung hinrichtete und Die Zeit ernsthaft die Frage aufwarf, ob die USA in dem gemeinsamen Wertesystem
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noch etwas zu suchen hätten, wurden die Deutschen in einer repräsentativen Erhebung gefragt: Sollten straffällige Kurden in die Türkei abgeschoben werden. auch wenn dort Folter und Todesstrafe drohen?' 49 % der Befragten antwortete mit ja' und 13 % hatte sich noch nicht endgültig entschieden. Eine deutliche Mehrheit der Deutschen will die Kurden also schon für Ladendiebstahl gefoltert oder ermordet sehen.
In rassistischen Gewalttätern bündelt sich der komplette Katalog des Projektionswahns. Rassisten, die sich in Hoyerswerda austobten, wurden nach ihren Motiven gefragt. Die Männer sonderten serienweise Sexphantasien ab: Neger zwingen ihre Frauen zu Sextänzen in Kellerkneipen», sagte einer. Ein anderer schwelgte: Der hat wahrscheinlich im Heim drei Frauen.' Ein Dritter lechzte: Zigeunerinnen tragen keine Unterhosen.' Die Neger standen nur immer da mit ihrer unverschämten Lässigkeit, selbst nach der Arbeit, wenn sie kaputt waren', sagte ein Arbeiter. Einer Hausfrau war aufgefallen: Die fassen Obst an, ekelhaft.' Eine Gruppe, die erregt die Brandschatzung anfeuerte, konnte sich kaum darüber beruhigen, daß die Zigeuner' einfach auf dem Rasen gesessen hätten, was doch verboten sei. Es gab«, sagte der rhetorisch geschulte SPD-Vorsitzende von Hoyerswerda, jede Nacht in irgendeiner Wohnung eine laute Fete'. Da dürfe sich niemand wundern: Vielleicht hätte ich auch nach einem halben schlaflosen Jahr im Geiste den ersten Stein geworfen.'
Bei Pohrt waren die Fremden übermächtig vital, hier haben sie mindestens drei Frauen pro Nacht und sie feiern, sind lässig, fassen an, tun Verbotenes. In der Summe erregt sich Haß gegen das, was mit lebendigem Leben identifiziert wird. Ob anderen vorgehalten wird, sie seien lässig oder erlaubten sich eine - in der eigenen Vorstellung zur Sachleistung deformierten - Sexualität; immer schwingt die eigene Verkümmerung mit, in der sich das System spiegelt. Die Täter spüren, daß in ihnen Sinnlichkeit, Lebensfreude, Erotik, Lust erstickt sind, und sie ahnen, daß ihre dürftigen Reste einer Sehnsucht in diesen Verhältnissen keine Erftillung finden; andere Verhältnisse entziehen sich aber ihrer Vorstellungskraft. Umso radikaler hassen sie jene, auf
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