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Frau schrieb am 7.1. 2016 um 00:21:52 Uhr über

Galgen

In dem Dorfe Wiesenfeld, unweit Coburg, wohnte noch vor einigen Jahren ein armer Schneidermeister, Andreas Schäftlein. Sein ganzer Reichthum bestand an einem kleinen, aber reinlichen Häuschen, von sonderbarer Bauart, auf welchem 27 fl. Schulden hafteten. Unter mancherley Hauskreuz, das dieser arme Mann zu ertragen hatte, war das größeste dieß, daß ihm seine Frau sehr frühzeitig starb, und ihm 5 unerzogene Kinder zurückließ. Unter diesen waren 2 Zwillingssöhne, Johann und Nikolaus. Beyde wuchsen zum Segen ihres Vaters und ihrer Geschwister heran, liebten diese von Jugend auf überaus zärtlich, und wurden so emsig, fromm und gut, daß sie nicht allein den Ihrigen, sondern dem ganzen Dorfe durch ihr rühmliches Betragen viel Vergnügen machten. So bald es Zeit und Umstände erlaubten, lernten sie des Vaters Handwerk, äusserten aber sehr bald eine vorzügliche Lust, und eben so viel Geschick und Anlage zur Musik. Der Vater ließ sie daher vom Schulmeister des Orts, so gut als möglich, unterrichten. Ohne ihre Profession zu vernachlässigen, brachten sie es in Kurzem so weit, daß sie leichtere Stücke vom Blatt, und eine Menge Tänze, Arien u. dgl. auf der Violin, vermöge ihres glücklichen Gedächtnisses auswendig spielen konnten, zu welchen ihr vergnügter Vater die Zither schlug, ohne sich es damahls träumen zu lassen, daß daraus einst so viel Gutes für ihn und seine Söhne, ja für seine ganze Familie erwachsen würde. Der Nutzen davon zeigte sich schon nach wenig Jahren. Es wollte nämlich dem Vater bey allem seinem und seiner Söhne Fleiß nicht mehr recht gelingen, sein Brod durch sein Handwerk zu verdienen, weil es an hinlänglicher Arbeit fehlte, besonders in den Jahren 1762 und 63. Er wehklagte aber nicht bloß, sondern that auch als ein vernünftiger Mann das Seinige dabey. Er dachte hin und her, wie er sich und seine Familie vor Hunger schützen wollte. Endlich gerieth er, nach langem Nachsinnen, auf den Einfall, mit seinen 2 Jungen, die damahls 13 bis 14 Jahre alt seyn mochten, ins Ausland zu gehen, um zu versuchen, ob sie vielleicht da durch ihre musikalischen Talente ihre Auskunft auf eine leichtere und angenehmere Weise finden könnten, indeß sich die Mädchen mit ländlicher Arbeit, Stricken etc. ernährten. In letzterm Fache leisten sie besonders viel, so daß sie bereits seit vielen Jahren her eine sehr große Anzahl baumwollene Mützen verfertigen, und noch immer Geld damit erwerben. Der Einfall des alten Vaters schlug über Erwarten ein. Sie zogen mit ihren Instrumenten von einem Orte zum andern, von einem Lande in das andere, und spielten in den Wirthshäusern und bey andern öffentlichen und Privattänzen auf, so gut sie es vermochten. Die Söhne ließen ihre Kunst auf der Violine hören, und der Vater accompagnirte mit seiner Zither dazu, auf der er große Fertigkeit hatte. Gelegenheit hiezu fanden sie fast überall, und wurden auch meistentheils so gut für ihre Bemühung bezahlt, daß sie bey diesem Gewerbe nicht nur ihren bequemen Unterhalt den Frühling und Sommer durch, bis gegen das Ende des Herbst hin, fanden, sondern auch noch so viel dabey ersparten, daß sie, noch ein für sie ansehnliches Sümmchen, nämlich 30 und mehrere Gulden baaren Geldes mit nach Hause brachten, wovon sie dann, den Winter hindurch, mit ihren übrigen Hausgenossen ohne quälende Sorgen ruhig und vergnügt leben konnten. Und das um so viel mehr, weil sie in dieser Jahreszeit auf ihrem Handwerke am meisten verdienten. Dabey hatten sie auch noch den Vortheil, daß sie sich, so wie ihren Freunden und Nachbarn, durch die Wiedererzählung dessen, was sie auf ihren Reisen gesehen und gehört hatten, in den langen Winterabenden manchen angenehmen Zeitvertreib machten, und sich die Liebe und Achtung der Letztern erwerben konnten.


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